Vielleicht ist er ein bisschen größer, als man von den Fotos erwartet. Ein langer Schlacks mit Dreadlocks und schwarzer Brille, der in unförmigen selbstgenähten Klamotten in Naturtönen gemüt lich umherschlurft.
Zum Interview sitzen wir in irgendeiner Kammer um einen alten Klapptisch, Geschirrkisten in der Ecke gesta pelt. Hierzulande ist Shane Claiborne durch sein Buch „Ich muss verrückt sein, so zu leben“ bekannt geworden, in dem er seinen Weg vom angepassten Christen hin zum Mitgründer einer sozial engagierten Lebensgemeinschaft beschreibt. Er hat bei Mutter Teresa mitgearbeitet, die ihm den Rat gab, sein eigenes Kalkutta zu fi nden. Und er war im Irak, um dort Menschen zu dienen. Sogar ein deutsches ZDF-Kamerateam hat ihn dorthin begleitet.
Es ist die Mischung aus überzeugendem Leben, herausfordernden Büchern und kernigem Aussehen, die ihn populär macht. Im Interview kommt noch eine weitere Facette hinzu: eine sanfte Freund lichkeit, die die radikalen Thesen seiner Bücher in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wenn er in seinem zweiten Buch „Jesus for President“ nichts weniger als eine radikale Kontrastkultur der Christen verlangt, wenn er den „fair gehandelten Bio-Latte-Macchiato der Umweltaktivisten“ als zu oberfl ächlich verurteilt und aufruft: „Überfl uss muss der Vergangenheit angehören!“, dann wird im persönlichen Gespräch klar, dass bei ihm all diese Forderungen aus einer echten Liebe und Freundlichkeit für Menschen entsteht, gegründet auf einer fröhlichen Gelassenheit: Wir müssen nicht alle gleich aussehen und handeln – aber wir müssen was verändern in der Welt.
Dein erstes Buch hat im englischen Original den Untertitel „Living as an ordinary radical“. Müssen alle Christen als „ganz gewöhnliche Radikale“ leben?
Shane Claiborne: Großartige Anfangsfrage! (lacht) Wenn wir radikal und gewöhn lich zusammenbringen, ist mir wichtig, dass radikal vom Wort „Wurzel“ stammt. Wir wollen die Wurzel dessen erfassen, was es wirklich bedeutet, unseren Nächsten zu lieben, Gott zu lieben. Die Wurzel der Dinge erfassen, die in unserer Gesellschaft so gebrochen und ungesund sind und Armut und Krieg verursachen. Aber ich glaube nicht, dass Nonkonformität in diesen Dingen zu Uniformität führt. Wir werden nicht alle gleich aussehen oder handeln. In der Bibel werden Menschen in die Person verwandelt, die sie sind – es werden nicht alle gleich sein. Man sieht das an den beiden Zolleinnehmern Zachäus und Matthäus, die Jesus begegnen: Einer verkauft anschließend alles. Der andere verkauft nur die Hälfte und gibt den Leuten das Vierfache zurück, was er ihnen schuldet. Ich glaube, wir haben einen gemeinsamen Auftrag in der Bibel: Christen fl iehen nicht vor dem Leid, wir begeben uns in Leid und Schmerzen hinein. Wir tragen die Lasten der anderen. Wir leiden mit denen, die leiden. Wir sind berufen, uns um die Armen zu kümmern. Wir sind berufen, Ungerechtigkeit durch Gnade und Liebe auszuhebeln. Wie wir das dann umsetzen, ist so unterschiedlich wie wir selbst. Das „Wie“ ist aber natürlich eine spannende Frage. Wo sollen wir anfangen? Unsere Vision, wie Kirche sich verändert, ist nicht, aggressiv auszubrechen und unser neues Ding zu starten. Sondern friedfertig und geduldig die Veränderung, nach der wir uns sehnen, in unserem eigenen Leben zu leben. In kleinen Gemeinschaften. Wir haben mit dem angefangen, was wir ändern können. Und das scheint für Jesus sehr klar zu sein. Er sagte: Nimm den Balken aus deinem eigenen Auge. Ghandi sagte: „Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Und das fängt da an, wo mein Freund Chris Haw selbst Geschirr töpfert. Wir nähen unsere eigene Kleidung – um nicht abhängig von den Strukturen zu sein und unsere Brüder und Schwestern nicht auszubeuten. Und es fängt in einer kleinen Gemeinschaft an, wo wir tagtäglich Revolution in unseren Wohnzimmern leben können.
Quelle:dran



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