Wir leben in einer Demokratie und haben das Glück, wählen zu dürfen. Nur wissen wir leider gar nicht, wen. Ein Selbstversuch zur Bundestagswahl mit subjektiven Folgen.
In diesem Superwahljahr 2009 habe ich jedes Mal pflichtbewusst meine Kreuze gesetzt. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass meinen Wahlentscheidungen eine intensive Vorbereitungszeit vorausgegangen wäre, wie das von einem mündigen Bürger zu erwarten wäre. Als mündig, das habe ich gelesen, bezeichnet man einen Menschen dann, wenn er der Demokratie durch seine Bildung und Disposition gewachsen ist. Ich höre und lese täglich Nachrichten und versuche, so weit es geht am Ball über die aktuellen politischen Entwicklungen zu bleiben. Und trotzdem muss ich zugeben, an der Wahlurne hat dann doch oft das Bauchgefühl entschieden. Oder die Pluspunkte, die eine Partei oder ein Politiker kurzfristig durch ein ansprechendes Wahlplakat bei mir gesammelt hat. Damit stehe ich wohl kaum allein da. Aber das macht es ja nicht besser. Und darum starte ich meinen Selbstversuch. Drei Wochen lang will ich mich intensiv auf die Bundestagswahl vorbereiten. So gut das eben geht, wenn man die letzten Jahre öfter den Panorama- als den Politikteil gelesen, nur in Ausnahmefällen mal eine Wahlveranstaltung besucht und Grundsatzprogramme höchstens überflogen hat.
Ich lasse es sachte angehen und klicke mich erst mal durch den „Wahl-OMat“, einen benutzerfreundlichen Test im Internet, mit dem ich anhand etlicher Thesen meine Standpunkte mit denen diverser Parteien vergleiche. Am Ende erfahre ich, welche Partei mir aufgrund meiner Antworten am nächsten steht. Leider gibt es den Wahl-O-Mat während meines Selbstversuchs noch nicht für die Bundestagswahl 2009. Also mache ich den für die Europawahl und die Bundestagswahl von 2005. Ich klicke, schnell, spontan, aus dem Bauch heraus. So soll man Tests ja ausfüllen.
Das Ergebnis schockiert mich: Beim Wahl-O-Mat 2005 stimme ich am ehesten mit den Linken überein, es folgen Grüne, SPD, FDP und als Schlusslicht die Union. Aber genau umgekehrt sieht’s beim Wahl-O-Mat für die Europawahl aus: Hier kann ich auch kleinere Parteien auswählen und angeblich liegt mir die PBC am nächsten – gefolgt aber von CDU/CSU und dem Rest der großen Parteien. Entweder Linke oder PBC, die Union entweder gar nicht oder sehr … Das lässt mich an diesem Unterfangen zweifeln. Aber, so heißt es, der Wahl-O-Mat sei auch keine Wahlempfehlung, sondern lediglich ein Informationsangebot, das Lust machen soll, sich weiter hin mit Politik und Wahlen zu beschäftigen. Und: Vielleicht spiegelt das ja sogar mein persönliches Wahl-Dilemma ganz gut wider: Ich bin ein komplexer Mensch und finde es schwer zu glauben, dass ein einziges Wahlprogramm meine Überzeugungen abdecken kann. Und auch das hat der Test gezeigt: Zu einigen Themen habe ich, wie ich zu meinem eigenen Verdruss feststellen muss, keine explizite Meinung.
Quelle:dran



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