Fast zwei Jahre lang hat die Band auf ihre erste EP hingearbeitet, etliche Songs geschrieben und wieder verworfen, ein Demotape aufgenommen und Plattenlabels damit bemustert. Als darauf keine Rückmeldung kommt, entscheidet Sonsaid, das Album in Eigenregie zu produzieren. Welche Hürden man dabei nehmen muss, verrät die Band in ihrem Produktionstagebuch.
21. April 2010 | Jetzt ist die Demo seit drei Monaten unterwegs. Keinerlei Reaktion von den angeschriebenen Verlagen. Sind heute zur Lagebesprechung im Studio gewesen. Wir haben beschlossen, unser eigenes Ding zu machen. Dadurch können wir, müssen aber auch, viele Dinge selbst entscheiden. Unsere Produzenten Frank Röcher und Stefan Weyel ermutigen uns dazu. „Die meisten Platten werdet ihr eh live verkaufen, dafür braucht ihr keinen Verlag“, sagen sie. Muss ja nicht gleich ein Longplayer werden, den können wir uns vermutlich eh nicht leisten. Wir haben zwar ein bisschen was auf der hohen Kante und ein paar Konzertgagen zugesagt, aber blauäugig wollen wir die Sache alle nicht angehen. Deswegen haben wir mal den Taschenrechner gezückt: Neben den Studiokosten müssen wir die Kosten für Presswerk, Booklet-Gestaltung und Druck, sowie GEMA-Kosten einkalkulieren. Ach ja – die Fahrtkosten zum Studio. Mit den „High Five Studios“ haben wir ein professionelles Studio in der Nähe gefunden – das hilft. Wir haben uns heute schon festlegen müssen, wie viele CDs es dann am Ende sein sollen und bis wann wir vorhaben, fertig zu sein. Am Ende des Tages sagen die Zahlen auf dem Zettel: sieben Lieder, eintausend Exemplare, Verkaufspreis knapp unter zehn Euro, Release am 5. Februar 2011. Na, da kann man doch mit arbeiten.
10. Mai 2011 | Komisch. Warum müssen wir für unsere eigene Musik zahlen? Ohne GEMA-Meldung keine Freigabe vom Presswerk, ohne Presswerk keine CD. Tricky: Nicht die Band, sondern nur Songwriter können GEMA-Mitglieder werden. In unserem Fall also Johnny und Alex. Wenn wir ihre Songs aufnehmen wollen, müssen wir das bei der GEMA melden und logischerweise dafür bezahlen. Die GEMA zieht von dem Geld einen Betrag für sich ab und überweist den Rest an die Urheber zurück. Das ganze Prozedere dauert etwa ein halbes Jahr. Klar, dass Johnny und Alex das Geld wieder an die Band zurück überweisen. Bandsozialismus. Wir haben heute einen Freund gefragt, ob er uns bei der Finanzierung helfen könnte. Er hat das System kapiert und streckt uns die Kohle vor. Ein halbes Jahr nach Erscheinen der Platte überweisen wir ihm den Betrag zurück. So bleiben wir erst mal flüssig und können die Kosten für Presswerk und Coverdruck zurücklegen.
8. August 2010 | Erstes Feedback zu den neuen Probeaufnahmen. Frank und Stefan hatten uns gebeten, sie über unsere Songentwicklung auf dem Laufenden zu halten. Nach dem letzten Feedback mussten wir mehr als nur einmal kräftig schlucken: Unter anderem hatten sie uns empfohlen, die Platte mit kleinem Schlagzeugset anstatt mit Cajon aufzunehmen. Josua hat sich daraufhin alle bestehenden Songs auf dem Schlagzeug draufgeschafft. Das bedeutete eine Umstellung für alle, Sonderproben und höhere Anforderungen an die Aufnahmen. Der Haupteffekt aber ist ein geilerer Sound. Aber auch der Rest der Band hat Ende April richtig was zu hören gekriegt, weshalb wir uns dann noch mal richtig reingehängt und konzentriert gearbeitet haben, um die Qualität nach oben zu schrauben und studiotauglicher zu werden. Dementsprechend nervös waren wir beim Öffnen der heutigen Feedback-E-Mail. Das Ergebnis: durchwachsen. Immerhin kristallisierten sich die sieben Lieder raus, die es ihrer Ansicht nach auf unsere EP schaffen könnten. Es blieb die Bitte, als Band weiter an unserer Studiotauglichkeit zu arbeiten. Hard stuff.
13. August 2010 | Die Einschätzung unserer Produzenten kennen wir nun. Jetzt sind wir dran, für die Songs abzustimmen, die wir gerne auf der Platte hätten. Dafür hat Thomas letzte Woche eine Doodle- Umfrage eingerichtet, über die wir unter der Woche abgestimmt haben. Heute sehen wir zum ersten Mal unser Votingergebnis. Interessant: „Tag 1“ war bei allen Bandmitgliedern gesetzt. Dieser Titel hätte es bei den Produzenten nicht gepackt. Jetzt gilt es also: Volle Probenkonzentration auf diese sieben Lieder. Ende September soll es ja das erste Mal ins Studio gehen. Deshalb haben wir heute einen Probenplan festgelegt. Ohne Hausaufgaben geht es jetzt nicht mehr.
03. November 2010 | Eigentlich hatten wir Mitte September mit den ersten Aufnahmen gerechnet, aber daraus wurde nichts. Deshalb haben wir uns heute Abend bei Josua zu Hause getroffen. Es galt eine heiße Frage zu beantworten: Wie soll die Platte eigentlich heißen? Die befürchtete lange Diskussion blieb aus, nach 15 Minuten waren wir uns einig. Wir wollten den Klassiker: Es sollte ein Liedtitel sein und da kamen nur zwei wirklich in Frage: „Never fear“ oder „Tag 1“. Alle waren für „Tag 1“. Das ging schneller als gedacht. Wir tauschten uns anschließend noch über einige Ideen fürs Booklet aus. Da kamen wir allerdings auf keinen grünen Zweig. Das scheint ’ne schwerere Geburt zu werden.
10. Dezember 2010 | Endlich! Heute war der erste Studiotag. Thomas hatte zu Hause schon vorgearbeitet und die Guide- Tracks „auf Klick“ eingespielt – also (ausnahmsweise) ohne Rhythmusschlenker. Damit stand schon mal das Grundgerüst der Songs – Länge, Aufbau, ... Alex packte noch den Pilotgesang (auch „Dreckspur“ genannt, weil sie später eh wieder rausfliegt und nur zur Orientierung dient) drauf, dann konnten wir uns ganz um den Schlagzeugsound kümmern. Josua hat es grundsätzlich am schwersten: Seine Spur kann man nämlich nur schlecht flicken, deshalb muss er von vorne bis hinten exakt durchspielen. Bei aller Genauigkeit darf er die Leidenschaft nicht vergraben. Und das, wo man im Studio jeden kleinen Fehler hört.
10. Januar 2011 | Heute hat Johnny die Gitarren eingespielt. Vier verschiedene Akustikgitarren standen zur Verfügung. Zwei hatten wir uns für diesen Zweck noch bei befreundeten Musikern ausgeliehen. Für jedes Lied wurde die Gitarre mit dem passenden Charakter ausgesucht. Unser Studio-Vokabular wurde aufgestockt durch das „Doppeln“. Man spielt das gleiche Lied zweimal, wobei die zweite Gitarrenspur exakt auf die zuvor aufgenommene gelegt werden muss. Kompliziert, aber wenn es gelingt, kann man damit am Stereobild schrauben und den Sound breiter machen. Bei den Zupfgeschichten war es besonders knifflig, aber irgendwann waren die Gitarren dann im Kasten.
12. Januar 2011 | Heute waren nur Wim und Johnny in Sachen CD-Aufnahme unterwegs. Wir brauchten Bass, Bass. Wir haben schon gemerkt, dass es keinen Sinn macht, immer als komplette Band ins Studio zu fahren. Das macht die Sache unnötig kompliziert und stört denjenigen, der aufnimmt. Wim war es aber wichtig, dass ein zweites Bandmitglied dabei war. Jemand, der die Songs im Ohr hat und einen auf Fehler hinweisen kann. Wir haben uns das jetzt zur Regel gemacht.
14. Januar 2011 | Die Vocals. Die Krone des Recordings. Johnny und Alex sind gestern sicherheitshalber noch mal alle Gesangsstimmen durchgegangen, haben sich die englischen Texte angeschaut und versucht, den deutschen Akzent, so gut es geht, zu kaschieren. Was für ein Timing: Beide sind fristgerecht voll einsatzfähig, was zu dieser Jahreszeit nicht selbstverständlich ist. Einsingen ist auch im Studio wichtig, schließlich singt man die meisten Stellen mehr als einmal. Nicht unbedingt, weil die Töne nicht stimmen, sondern weil auch der Ausdruck passen soll. Johnny und Alex können sich abwechseln, während der eine hinter dem Mikro steht, relaxt der andere. Die Devise lautet: Rocken, aber bloß nicht abkacken. Um 23 Uhr macht der Letzte das Licht aus. Das Tagesergebnis lautet: Wir sind durch mit Leadgesang und Zweitstimmen von drei Liedern. Immerhin.
21. Januar 2011 | Johnny hat heute die E-Gitarren eingespielt. Hier sind wir voll auf die Erfahrungen von Frank und Stefan angewiesen. Manche Effekte muss man direkt vom Amp aufnehmen, andere kommen wohl besser rüber, wenn man sie anschließend über die Spur legt. Sogar Klebebandtricks sind zum Einsatz gekommen. Wie auch immer – es rockt.
29. Januar 2011 | Der letzte Aufnahmetag. Johnny und Alex haben noch die restlichen Gesangsspuren, vorrangig ergänzende „Adlibs“ aufgenommen. Frank und Stefan zeigten sich optimistisch. Das aufgenommene Material scheint recht ordentlich zu sein. Stefan hat alles sorgfältig abgespeichert. Jetzt bloß keinen Fehler machen.
04. Februar 2011 | Keyboard-Freaks unter sich: Thomas konnte seine Spuren zu Hause aufnehmen. Bedingungen hierfür waren ein MIDI-fähiges Instrument, eine hochwertige Soundkarte und ein leistungsstarker PC. Vor dem Aufnehmen mit der entsprechenden Recording-Software hatte er mit Stefan über das Dateiformat und die erforderliche Aufnahmequalität gesprochen. Heute hat Thomas Stefan zu Hause besucht und an den Sounds gefeilt. Für uns endet heute die Studiozeit. Frank wird sich jetzt an den Mix setzen. Das Mischen ist genauso wichtig wie das Aufnehmen und braucht genauso viel Zeit. Die wollen wir Frank gerne geben. Er soll die einzelnen Spuren mit Effekten zum Leben erwecken und den Songs das Grooven beibringen. Das ursprüngliche Veröffentlichungsdatum haben wir deshalb geknickt. Wir peilen jetzt den 19. April an.
12. Februar 2011 | Wir haben festgestellt, dass wir gar keine Fotos fürs Booklet haben. Also, was soll’s: Dann müssen wir eben vor die Kamera. So was überlässt man am besten Leuten, die Ahnung davon haben – also einer Fotografin. Wir probieren Eisenbahnschienen, Autobahnbrücken, Kirchenbänke. Letztere machen das Rennen. Drei Stunden hat der Spaß gedauert.
13. März 2011 | Wir konnten uns immer noch nicht auf eine Coveridee für „Tag 1“ einigen. Deshalb haben wir uns vor zwei Wochen entschieden, einen Profi einzuschalten. Seine Idee: CD und Design könnte wie ein altes Tagebuch aussehen, in das alle Texte mit der Hand eingetragen sind. Im Zentrum unsere Zeugnisse. Ganz anders als unsere Ideen, aber wir sind einverstanden. Jeder von uns hat nun eine Woche Zeit, um eine persönliche Danksagung zu schreiben und die persönliche Entscheidung für Jesus in SMS-Länge zu formulieren. Die gesammelten Textbausteine landen bei unserem Grafiker. Die Sache kommt endlich ins Laufen.
26. März 2011 | Frank ist fertig. Erste Eindrücke von den nun gemischten Songs hat er uns schon per E-Mail geschickt, jetzt hören wir den „finalen Mix“ zusammen im Studio. Welche Spur ist uns noch zu leise und welche ist zu laut? Und in welcher Reihenfolge sollen die Lieder auf die Platte? An der Frage waren wir schon mal vor zwei Monaten gescheitert. Wir schieben kleine Zettel mit den Liedertiteln hin und her, diskutieren dies und das und – kommen am Ende genau bei dem heraus, was die Profis Stefan und Frank bereits vor zwei Monaten empfohlen hatten. Entweder, die haben was drauf – oder unsere Gruppendynamik im Griff. Jetzt muss die Platte nur noch gemastert werden. Wir haben leider auch erfahren, dass wir einen Labelcode benötigen. Kein Verlag – kein Labelcode. Was tun? Wir haben ein kleineres Label kontaktiert. Haben uns vorgestellt und unser Problem geschildert. Das Ende vom Lied: Wir dürfen deren Code beim Presswerk angeben. Jetzt kann unsere Musik auch im Radio gespielt werden. Zur Sicherheit soll Johnny noch ein offizielles Schriftstück aufsetzen und unterschreiben lassen. Damit wir was in der Hand haben.
31. März 2011 | Eine ganze Woche hat Frank investiert. Wir hätten nicht gedacht, dass Mastern so lange dauert. Er hat die einzelnen Songs aufeinander abgestimmt, den Sound komprimiert und das Stereobild Stereobild der Gesamtplatte optimiert. Irgendwie klingt die Platte erst jetzt wie aus einem Guss. Auch unser Grafiker ist heute mit der Booklet-Gestaltung fertig geworden. Nun heißt es warten und die bevorstehenden Release-Konzerte professionell vorbereiten. Schließlich wollen wir Live ähnlich professionell klingen wie auf CD. Den Anspruch haben wir uns selbst zu verdanken: Je besser das Album, umso höher die Live-Bürde.
20. April 2011 | Das war knapp. Hätten wir nicht noch mal beim Presswerk angerufen – dann hätten bei unserem Releasekonzert die CDs gefehlt. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir die CDs jetzt mit dem PKW abgeholt. Ein geiles Gefühl, die erste Packung aufzumachen. Unser Baby! Jetzt geht es darum, die tausend Exemplare unters Volk zu bringen. Die erste Möglichkeit: unser Release-Konzert. Am Ende kommen achtzig Personen, darunter auch die lokale Presse. Wir haben nachgezählt: Jeder zweite hat sich eine CD für neun Euro mit nach Hause genommen. Ein guter Schnitt. Fehlen noch 960 Stück. <<






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